Als Shohei Ohtani an einem sonnigen Dezembertag in Los Angeles bei seiner Pressekonferenz das Podium betritt, sieht er im blauen Anzug mit blauer Krawatte aus wie der Absolvent einer Eliteuniversität. Doch seine Ankunft signalisiert weniger einen akademischen Abschluss als vielmehr den Beginn einer neuen Ära im Profisport. Vor ihm sitzen Reporter, Fotografen und mehr als 30 Kamerateams aus aller Welt – ein Indiz für die weltweite Aufmerksamkeit, die dieser Mann auf sich zieht.
Ohtani ist nicht nur der beste Baseballspieler der Welt – er ist seit der Unterzeichnung seines Vertrags mit den Los Angeles Dodgers der erste Athlet, der einen Vertrag über 700 Millionen US-Dollar (etwa 632 Millionen Euro) abschließen konnte. Diese Summe übertrifft selbst die gigantischen Deals von Fußballlegenden wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Kylian Mbappé, NFL-Quarterback Patrick Mahomes, NBA-Star LeBron James oder Golfer Jon Rahm, der erst kürzlich zur saudischen LIV Tour wechselte. Wie kann es sein, dass ein Spieler, der in Europa, Afrika und weiten Teilen der Welt nahezu unbekannt ist, einen solchen Mega-Deal erhält? Die Antwort liegt in Ohtanis einzigartigen Fähigkeiten und der globalen Vermarktung des Baseballs.
Der beste Spieler aller Zeiten?
„Shohei ist der wohl talentierteste Baseballer, der dieses Spiel je gespielt hat“, erklärte Andrew Friedman, President of Baseball Operations der Dodgers, bei Ohtanis Vorstellung. Man mag Friedman Voreingenommenheit unterstellen, da er den Deal maßgeblich ausgehandelt hat. Doch die objektive Bewertung der Major League Baseball (MLB) spricht für sich: Ohtani ist der wertvollste Spieler der Liga – und das nicht ohne Grund. Er kann sowohl als Schlagmann (Batter) als auch als Werfer (Pitcher) auf höchstem Niveau agieren. Diese Dualität ist im Baseball äußerst selten; die meisten Spieler spezialisieren sich auf eine der beiden Rollen. Ohtani aber beherrscht beide Disziplinen so meisterhaft, dass er sein Team sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung entscheidend unterstützt.
Seine Karriere begann in Japan, wo er bereits als Teenager für die Hokkaido Nippon-Ham Fighters spielte. 2017 wechselte er in die MLB zu den Los Angeles Angels, wo er sich sofort als Rookie auszeichnete und 2018 den „Rookie of the Year“-Award gewann. In den folgenden Jahren sammelte er zwei Auszeichnungen als „Most Valuable Player“ (MVP) der American League. Seine Leistungen auf dem Spielfeld – darunter Rekordhomeruns und beeindruckende Strikeout-Zahlen – machten ihn zu einer Ikone in Japan und einer wachsenden globalen Fangemeinde.
Der clevere Aufbau des Vertrags
Die Dodgers hatten Ohtani bereits nach seinem Schulabschluss verpflichten wollen, doch der Japanner wählte einen anderen Weg. Nach sechs Jahren bei den Angels und der zweiten MVP-Auszeichnung war klar, dass sein Marktwert einen historischen Vertrag erforderte. Im Dezember 2000 hatten die Texas Rangers für Alex Rodriguez zehn Jahre lang 252 Millionen Dollar gezahlt – der damalige Rekord. Ohtani aber sprengte alle Dimensionen.
Der Clou des Deals liegt in der Zahlungsstruktur. Ohtani wird die 700 Millionen Dollar nicht sofort erhalten. Stattdessen einigte er sich mit den Dodgers darauf, von 2034 bis 2043 jährlich 68 Millionen Dollar zu bekommen. Diese Staffelung bringt Vorteile für beide Seiten. Die Dodgers müssen weniger Luxussteuer zahlen und können in den ersten Jahren mit Ohtani Geld verdienen. Sein Werbewert ist enorm: In Japan ist Ohtani ein Superstar wie LeBron James in den USA oder Mbappé in Frankreich. Japanische Firmen überschlagen sich mit Sponsoring-Angeboten, sodass Ohtani bereits jetzt jährlich rund 50 Millionen US-Dollar allein durch Sponsorenverträge erhält. Sein Dodgers-Gehalt benötigt er also nicht zum Leben. Selbst wenn er in zehn Jahren seine aktive Karriere beendet haben sollte, fließen die Gehaltszahlungen weiter – ein kluger finanzieller Schachzug.
Ohtani im internationalen Vergleich
Um Ohtanis Vertragswert zu verstehen, lohnt ein Blick in andere Sportarten. Lionel Messi verdiente bei Paris Saint-Germain etwa 40 Millionen Euro Jahresgehalt, Cristiano Ronaldo bei Al-Nassr rund 200 Millionen Euro (inklusive Werbedeals). Kylian Mbappé soll bei PSG über 100 Millionen Euro jährlich beziehen. Im American Football haben Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs einen 10-Jahres-Vertrag über 450 Millionen Dollar, im Basketball unterschrieb LeBron James für 97,1 Millionen Dollar über vier Jahre (ohne Werbeeinnahmen). Golfer Jon Rahm wechselte für rund 300 Millionen Dollar zur LIV-Tour. Ohtanis 700-Millionen-Dollar-Deal übertrifft sie alle – auch wenn die tatsächlichen Auszahlungen stark zeitlich gestreckt sind.
Doch warum ist Ohtani in Europa so wenig bekannt? Baseball ist in den USA und Teilen Asiens und Lateinamerikas enorm populär, hat in Europa aber eine Nischenexistenz. Während Fußball in Afrika, Europa und Südamerika dominiert, bleibt Baseball für viele Kontinente fremd. Ohtanis Stern strahlt daher vor allem in Japan, den USA und in der Karibik – doch mit seinem Rekordvertrag beginnt langsam auch das globale Interesse zu wachsen.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Deals
Der Deal mit den Dodgers ist nicht nur ein Zeichen für Ohtanis individuelle Klasse, sondern auch für die wirtschaftliche Stärke der MLB. Die Liga generiert jährlich Milliardenumsätze durch Fernsehrechte, Merchandising und Ticketing. Ohtani wird voraussichtlich die Zuschauerzahlen in Japan und den USA steigern, die TV-Einschaltquoten erhöhen und den Verkauf von Trikots und Fanartikeln ankurbeln. Schon jetzt tragen viele japanische Fans Dodgers-Kappen und -Trikots. Der Effekt auf die lokale Wirtschaft in Los Angeles ist ebenfalls spürbar: Hotelbuchungen, Restaurantbesuche und Tourismusprofitieren von den erhöhten Besucherzahlen bei Heimspielen.
Ein weiterer Faktor ist die Zeitverschiebung: Spiele der Dodgers werden in Japan häufig am Morgen ausgestrahlt, was den Werbewert für japanische Sponsoren enorm steigert. Unternehmen wie Toyota, Nissan, Sony oder Softbank, die bereits Engagements in der MLB haben, werden ihre Investitionen verstärken. Ohtani selbst ist ein wandelndes Werbeplakat – er wirbt für Uhren, Bekleidung, Lebensmittel und Finanzprodukte. Seine Popularität in Japan ist mit der von Messi in Argentinien oder Ronaldo in Portugal vergleichbar.
Die sportlichen Perspektiven
Mit den Dodgers hat Ohtani nun ein Team, das in den letzten Jahren regelmäßig in den Playoffs stand. Die Dodgers haben eine starke Mannschaft um Spieler wie Mookie Betts, Freddie Freeman und Clayton Kershaw. Ohtani könnte das fehlende Puzzlestück sein, um den World Series-Titel zu gewinnen – den er noch nicht errungen hat. Seine Fähigkeit, als Pitcher und Batter gleichzeitig zu glänzen, gibt dem Team taktische Flexibilität. Manager Dave Roberts kann Ohtani entweder als Starting Pitcher einsetzen oder ihn als Designated Hitter (DH) aufbieten, was den Schlagdurchschnitt des Teams deutlich verbessert.
Allerdings birgt die Doppelbelastung auch Risiken. Ohtani hat in der Vergangenheit Verletzungen erlitten, darunter eine Operation am Wurfarm im Jahr 2023. Viele Experten diskutieren, ob die Dodgers ihn weiterhin als Pitcher einsetzen sollen oder ob sie ihn als reinen Schlagmann schonen müssen. Bislang hat Ohtani jedoch immer betont, dass er beide Rollen ausfüllen möchte. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sein Körper den Belastungen standhält.
Fazit: Ein neuer Maßstab im Sport
Shohei Ohtanis Vertrag bei den Los Angeles Dodgers setzt einen neuen Maßstab für Athletenvergütungen. Er zeigt, dass außergewöhnliche sportliche Leistung in einer global vernetzten Wirtschaft zu Rekordsummen führen kann, selbst wenn der Sport in manchen Regionen weniger populär ist. Ohtani bleibt ein Phänomen: Ein Superstar, der in seiner Heimat verehrt wird, in weiten Teilen der Welt aber noch entdeckt werden muss. Mit seinem siebenstelligen Millionen-Deal hat er die Tür für zukünftige Generationen von Baseballspielern weit aufgestoßen – und bewiesen, dass der Wert eines Athleten nicht allein an der Bekanntheit, sondern an seinen einzigartigen Fähigkeiten gemessen wird.
Source: Die Presse News