Indiens Premierminister Narendra Modi hat die Bevölkerung laut einem Bericht der Nachrichtenplattform „News18“ dazu aufgerufen, Goldkäufe möglichst für ein Jahr aufzuschieben. Damit solle Druck von den Devisenreserven des Landes genommen werden. Neben dem Verzicht auf unnötige Auslandsreisen sowie Einsparungen bei Benzin und Diesel habe Modi die Bürger auch zu Zurückhaltung beim Kauf des Edelmetalls aufgefordert. Der Schritt kommt zu einem Zeitpunkt, da die indische Wirtschaft unter den Folgen geopolitischer Spannungen und steigender Energiepreise leidet.
Gold als kulturelles und wirtschaftliches Phänomen in Indien
Gold besitzt in Indien eine tief kulturelle Verankerung. Es wird nicht nur als Schmuck getragen, sondern gilt als sichere Wertanlage, als Mitgift bei Hochzeiten und als religiöses Opfer. Schätzungen zufolge besitzen indische Haushalte rund 25.000 Tonnen Gold – mehr als die offiziellen Reserven aller Zentralbanken der Welt zusammen. Diese enorme Nachfrage stellt jedoch eine große Belastung für die Handelsbilanz des Landes dar. Indien zählt zu den größten Goldkonsumenten der Welt. Das Land verbraucht jährlich rund 700 bis 800 Tonnen Gold, produziert aber selbst lediglich ein bis zwei Tonnen. Mehr als 90 Prozent des Bedarfs müssen daher importiert werden.
Rekordhohe Goldimporte belasten die Devisenreserven
Wie es in dem Bericht heißt, stiegen die Goldimporte im Fiskaljahr 2025/26 auf den Rekordwert von 72 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gold macht inzwischen rund neun Prozent der gesamten indischen Importe aus und zählt damit nach Rohöl zu den wichtigsten Importgütern des Landes. Zum Vergleich: Im Fiskaljahr 2019/20 betrugen die Goldimporte noch etwa 32 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg um mehr als das Doppelte innerhalb von sechs Jahren. Diese Entwicklung setzt die indischen Devisenreserven unter erheblichen Druck. Diese gingen dem Bericht zufolge binnen einer Woche um rund 7,8 Milliarden US-Dollar auf 690,7 Milliarden US-Dollar zurück. Ein Großteil des Rückgangs ist auf die gestiegenen Goldimporte zurückzuführen.
Geopolitische Spannungen als Auslöser
Der Zeitpunkt von Modis Appell ist laut „News18“ eng mit den geopolitischen Spannungen verbunden. Steigende Energiepreise und Probleme in den globalen Lieferketten erhöhten zuletzt den Druck auf die indischen Devisenreserven. Indien ist stark von Ölimporten abhängig; rund 80 Prozent des Rohölbedarfs werden aus dem Ausland gedeckt. Die jüngsten Preissprünge infolge des Ukraine-Konflikts und der Sanktionen gegen Russland haben die Importrechnung massiv in die Höhe getrieben. Gleichzeitig leidet die Exportwirtschaft unter den globalen Handelshemmnissen, sodass die Handelsbilanz insgesamt stärker ins Defizit rutscht. In diesem Umfeld wird Gold zum zusätzlichen Belastungsfaktor, da es keine unmittelbaren wirtschaftlichen Erträge bringt, sondern Kapital bindet.
Bisherige Maßnahmen zur Eindämmung der Goldnachfrage
Die indische Regierung hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, die Goldnachfrage zu drosseln. So wurden Importzölle auf Gold mehrfach erhöht – zuletzt auf 15 Prozent im Jahr 2022. Dennoch ließ sich der Appetit der Bevölkerung kaum bremsen. Steigende Goldpreise weltweit haben die Importe in Dollar-Wert sogar noch weiter ansteigen lassen, auch wenn die importierten Tonnagen zuletzt rückläufig waren. Während Indien im Januar 2025 noch fast 100 Tonnen Gold importierte, sank die Menge im März auf rund 20 bis 22 Tonnen. Für April werden lediglich etwa 15 Tonnen erwartet – einer der niedrigsten Monatswerte seit fast drei Jahrzehnten außerhalb der Corona-Zeit. Dies deutet darauf hin, dass die hohen Preise und der Appell der Regierung erste Wirkung zeigen.
Die Rolle der Zentralbank und des privaten Sektors
Die Reserve Bank of India (RBI) hat in den letzten Jahren selbst kräftig Gold gekauft, um die Währungsreserven zu diversifizieren. Im Jahr 2024 erwarb die RBI rund 50 Tonnen Gold. Diese Käufe sind jedoch Teil der offiziellen Reservepolitik und stehen nicht im Widerspruch zum Sparappell an die Bevölkerung. Während die Zentralbank das Edelmetall als strategische Anlage betrachtet, sollen private Haushalte auf spekulative Käufe verzichten, um die Devisenabflüsse zu begrenzen. Experten weisen darauf hin, dass die indische Wirtschaft langfristig von einer Reduzierung der Goldimporte profitieren würde, da die freiwerdenden Devisen für produktive Importe wie Maschinen oder Technologie genutzt werden könnten.
Kulturelle Widerstände und mögliche Gegenmaßnahmen
Dennoch stoßen die Appelle der Regierung auf kulturelle Widerstände. In vielen indischen Regionen ist der Goldkauf zu Hochzeiten oder religiösen Festen wie Diwali und Dhanteras eine tief verwurzelte Tradition. Eine vollständige Unterbrechung der Nachfrage ist daher kaum zu erwarten. Die Regierung könnte jedoch zusätzliche Anreize schaffen, um Goldanlagen in Finanzprodukte umzuleiten. So wurden in der Vergangenheit Goldsparpläne und Gold-Einlagenzertifikate eingeführt, die eine Rendite bieten und den physischen Import überflüssig machen. Auch die Förderung von Goldrecycling könnte helfen: Alte Goldbestände sollen eingeschmolzen und wieder dem Markt zugeführt werden, um Importe zu ersetzen. Bisher ist das Recycling jedoch gering, da viele Inder ihren Goldschmuck aus emotionalen Gründen nicht verkaufen wollen.
Auswirkungen auf den internationalen Goldmarkt
Die indische Nachfrage hat traditionell großen Einfluss auf den globalen Goldpreis. Sollte der Appell Modis tatsächlich zu einem deutlichen Rückgang der Importe führen, könnte dies den Goldpreis belasten. Analysten erwarten jedoch, dass der Preisrückgang moderat ausfällt, da andere große Abnehmer – allen voran die chinesische Bevölkerung und die Notenbanken weltweit – weiterhin kräftig zukaufen. Die chinesische Zentralbank hat ihre Goldreserven in den letzten Monaten kontinuierlich aufgestockt. Zudem investieren viele Privatanleger in unsicheren Zeiten verstärkt in Gold als sicheren Hafen. Die Kombination aus Angebotsverknappung und hoher globaler Nachfrage könnte die indischen Importrückgänge daher teilweise kompensieren.
Historische Parallelitäten und Lehren aus der Vergangenheit
Bereits in den 1990er Jahren hatte Indien mit einer Zahlungsbilanzkrise zu kämpfen, die durch überhöhte Goldimporte mitverursacht wurde. Damals verpfändete die Regierung Goldbestände, um Kredite zu sichern. Auch während der Pandemie gab es vorübergehend Aufrufe, auf Goldkäufe zu verzichten. Der Unterschied heute liegt in der Größenordnung: Die Devisenreserven sind zwar mit knapp 700 Milliarden US-Dollar immer noch komfortabel, aber der Abwärtstrend ist besorgniserregend. Sollten die geopolitischen Spannungen weiter eskalieren und die Energiepreise weiter steigen, könnte Indien in eine ähnliche Schieflage geraten wie in den 1990er Jahren. Modis Appell ist daher nicht nur eine kurzfristige Maßnahme, sondern Teil einer längerfristigen Strategie, die Wirtschaft widerstandsfähiger zu machen.
Reaktionen aus der Wirtschaft und Bevölkerung
Die Reaktionen auf den Aufruf sind gemischt. Während einige Wirtschaftsvertreter die Maßnahme unterstützen, warnen Juweliere vor Umsatzeinbußen und Arbeitsplatzverlusten. Die Goldschmuckindustrie beschäftigt allein in den großen Zentren wie Mumbai, Delhi und Jaipur mehrere Millionen Menschen. Ein einjähriger Kaufverzicht könnte zu massiven Entlassungen führen. Die Regierung hat daher angekündigt, die Goldschmiede finanziell zu unterstützen und Umschulungsprogramme anzubieten. In der Bevölkerung stoßen die Sparappelle vor allem bei älteren Menschen auf Skepsis, die Gold als unverzichtbaren Bestandteil der Altersvorsorge betrachten. Jüngere Inder hingegen zeigen sich offener für alternative Anlageformen wie Aktien oder Gold-ETFs.
Fazit der aktuellen Lage und Ausblick
Ob der Aufruf Modis die gewünschte Wirkung entfalten wird, hängt von mehreren Faktoren ab: der weiteren Entwicklung der Goldpreise, der geopolitischen Lage, den Wechselkursen und nicht zuletzt der Disziplin der Bevölkerung. Klar ist, dass Indien vor einer wirtschaftlichen Zerreißprobe steht. Die Notwendigkeit, die Devisenreserven zu schonen, ist angesichts der globalen Unsicherheiten dringend. Gleichzeitig darf die Regierung die traditionellen Strukturen nicht ignorieren. Ein Kompromiss könnte die schrittweise Einführung von Goldsparplänen mit staatlichen Zuschüssen sein, um den Importdruck zu reduzieren, ohne die kulturellen Werte zu verletzen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der indische Goldhunger durch Appelle allein gezügelt werden kann oder ob härtere Maßnahmen – wie etwa ein Importverbot oder eine Sondersteuer – notwendig werden."]}
Source: www.fondsprofessionell.at News